Ein Auszug aus einem Roman...

Sonntag, 17. Juli 2016 | | 1 Comment



Die Schattenseiten eines Urlaubs

Samstag, 02. Juli 2016, der Anfang eines unvergesslichen, erholsamen, einzigartigen Urlaubs. Der Plan stand, schon so lange, seit Wochen, Monaten. Viele stressige Arbeitstage nimmt man in Kauf, weil man sich immer wieder sagt: "Hey, bald ist es so weit - es geht weg, weg von zu Hause, weg von den Problemen in der Heimat, hinein in ein neues Abenteuer, in ein anderes Land, in eine andere Kultur." Die Vorfreude stieg, von Tag zu Tag, bis sie einfach nur noch unerträglich wurde. 
Dass unser Urlaub leider ein ganz anderes Ende nehmen würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt jedoch noch keiner.



Ich persönlich finde, dass Streik eine gute und auch notwendige Art und Weise ist, um auf sich aufmerksam zu machen. Menschlich hingegen, ist es dann aber nur vertretbar, dies auf einer organisierten und strukturierten Basis stattfinden zu lassen. Ich meine, wenn eine Grundschule in Dresden streikt, können die Kinder auch nicht einfach unbeaufsichtigt im Stich gelassen werden. Die ganze Aktion wird einige Tage vorher angekündigt und außerdem wird für eine ordnungsgemäße Betreuung gesorgt. Man merkt erst, wie angenehm spießig und super strukturiert Deutschland eigentlich ist, wenn man andere Verhältnisse kennenlernt.


Voller Euphorie stiegen wir in ein Flugzeug von der Fluggesellschaft Eurowings, gespickt mit etwas Flugangst auf Basis der vergangenen Vorfälle in Verbindung mit dieser Airline und dem Zielflughafen Barcelona. Aber hey: Das Flugzeug ist das sicherste Verkehrsmittel der Welt! Es wird schon nichts schief gehen... Nach sehr angenehmen 2,5h Flug, begrüßte uns die überaus charmante Stimme des Piloten recht herzlich in Spanien - eine Woche Barcelona konnte endlich beginnen.


Frauen besitzen bekanntlicherweise nie etwas Passendes zum Anziehen, deshalb wurde vor unserem Trip noch einmal richtig geshoppt, neue Teile eingepackt, die nur darauf warteten das erste Mal in Spanien am Strand ausgeführt zu werden. Doch das Schicksal behielt sich eine etwas andere Wendung vor. 

Nachdem dieser beruhigende Piepton der Gepäckbänder bei allen Airlines erklung, welcher signalisierte, dass jetzt endlich die Koffer herausgefahren werden können, nur bei Eurowings nicht, wurde uns langsam klar, dass diesmal irgendwie etwas anders sei. Es dauerte so lang, die Anzeige sponn, auf einmal hellte der nächste Flug am Monitor auf, aber: Wo zur Hölle ist denn nur unser Koffer mit all' unseren, über Jahre angesammelten, kleinen Schätzen, an welchen jede Menge Erinnerungen hängen? "Ganz ruhig!", sagten wir uns immer und immer wieder. Schließlich ist es Ferienbeginn. Nicht nur auf der Autobahn ist eine Menge los, auch auf dem Flughafen und vor allem in Spanien herrscht Ausnahmezustand. Da von Eurowings leider kein Ansprechpartner vor Ort war und die Airline sich auch nicht selbst um den Transport der Gepäckstücke vom Flugzeug in den Flughafen kümmerte, stiefelten also die ganzen Passagiere unseres Flugzeugs zu dem Stand der externen Firma Swissport, die für die Verladung der Koffer zuständig war.
Theoretisch liebe ich die Atmosphäre in Spanien, alle sind viel entspannter, relaxter und nicht so unter Strom wie die Deutschen, doch in diesem Moment brachte mich das alles nur noch viel mehr auf die Palme. Unser Flug landete ca. 9 Uhr früh - theoretisch hatten wir noch den kompletten Tag vor uns - Barcelona wartete - Sonne, Strand, Palmen! Stattdessen fanden wir uns mit unzähligen anderen Reisenden in einer Warteschlange am Servicepoint von Swissport wieder. Die Deutschen standen ganz brav hintereinander und warteten, bis sie an der Reihe waren, währenddessen erreichten uns natürlich unzählige Gerüchte: "Die Koffer sind verschwunden!", "Die Koffer sind schon längst wieder auf dem Weg zurück nach Berlin.", "Morgen werden wir unsere Gepäckstücke in Empfang nehmen können."
Bei den Mitarbeitern angekommen, versuchten wir auf englischer Basis herauszubekommen, was passiert sei - "Wo sind denn unsere ganzen Sachen?" Die Spanier reden aber am liebsten ihre eigene Sprache, also schrieben wir brav alle Informationen, Adressen und Daten auf, die sie verlangten und beschrieben unseren Koffer. In dem Moment wurde mir erst richtig bewusst, wie unsensibel und unaufmerksam ich durchs Leben stiefelte, die Beschreibung unseres Gepäckstückes fiel mir so schwer, ich konnte markante Dinge wiedergeben, aber detaillierte Farbbeschreibungen entfielen mir schlichtweg in dieser Situation. Gott sei Dank, waren wir zu zweit! Nachdem händisch ein Beschwerdebogen ausgefüllt wurde, gingen wir mit den tröstenden Worten: "Morgen ist unser Gepäckstück wieder da!" in unsere Ferienwohnung. Den Ernst der Lage erkannten wir erst, als wir uns noch einmal umschauten. Überall standen herrenlose Gepäckstücke einfach so herum, überall und vor allem unzählige von ihnen. Unfassbar in dieser heutigen Gesellschaft! Sind denn die vergangenen Terroranschläge nicht genug gewesen? Wo ist denn hier die Sicherheit? Wer kümmert sich? Warum fühlt sich keiner angesprochen? In diesem Moment erschien die Durchsage: "Lassen Sie Ihr Gepäckstück nicht unbeaufsichtigt stehen." mehr als lächerlich. Mich überfiel auf einmal ein eisiger Schauer, ich hatte mehr als Angst. Wenn jetzt jemand durchdrehen würde, wären wir alle dran, wirklich alle. Die Luft wurde dünner und dünner, der Ton rauer, Menschen schrien, ich musste einfach raus, raus aus diesem Flughafen, raus aus diesem Dilemma und endlich hinein in die Stadt Barcelona.
In unserer Ferienwohnung angekommen, ging die Recherche los. Wir versuchten jedem Gerücht nachzugehen und herauszufinden, was hier eigentlich gerade abgeht. Langsam aber sicher wurde deutlich, dass Swissport sich einem Streik angegliedert hatte und zwar jenem der Firma Vueling. Diese Airline hat ihren Sitz in Spanien und gibt da sozusagen den Ton an. Eins steht für mich definitiv fest: Ich werde mich nie wieder über einen Streik in Deutschland aufregen! Wenn bei uns die KiTas oder Schulen streiken wird dies vorher rechtzeitig in der Presse angepriesen und sich darum gekümmert, dass die Kinder trotzdem die jeweilige Betreuung bekommen, die sie benötigen oder gewährleistet werden kann, dass sie zu Hause bleiben können. Der Streik in Spanien wurde nicht vorher angekündigt, jedenfalls nicht Tage vorher, ich hätte auch nie zuvor Swissport mit Eurowings in Verbindung gebracht. Fest stand nun aber auch, unser Flieger ist definitiv nicht der einzige, der betroffen war, es sind viele vor uns gewesen und werden auch noch weitere nach uns sein, leider! 
Nach einem sehr anstrengendem Tag waren unsere Nerven am Ende, unsere Körper mehr als erschöpft, unsere Hoffnung aber nicht ganz verloren. Wir beschließen zu schlafen, obwohl unsere Herzen doch lieber noch das Glitzern des Meeres gesehen hätten.
Am nächsten Tag ging unser erster Weg natürlich direkt zum Flughafen. Bei unserem Glück hatten wir uns natürlich nicht gemerkt, an welchem Gate wir am Tag zuvor angekommen waren. Wir sollten nämlich direkt, auf welchem Wege auch immer, in die Halle mit den Gepäckbändern kommen. Wie es das Schicksal wollte, sind wir natürlich zum falschen Gate gefahren und mussten uns erst einmal zum nächsten durchfragen. Nach wiederum 30 Minuten vergangener Orientierungszeit hatten wir den richtigen Eingang gefunden. Doch wie sollten wir jetzt in die Halle mit den Gepäckbändern gelangen? Theoretisch ist von dieser Seite ja der Eintritt verboten. Eine nette Frau vom Zoll gewährte uns den Zugang, leider ohne Kontrolle. Beängstigenderweise. Auf diesem Flughafen herrschte mehr als Chaos, wir hatten beide eine große Tasche bei uns, in der sonst etwas hätte drinnen sein können. Ich finde in der jetzigen von Terroranschlägen gespickten Gesellschaft, kann man nicht genug kontrollieren. Mich hätte, wie auch am Tag zuvor, wirklich nicht gewundert, wäre da irgendetwas passiert. Es hätte sich niemand beschweren können. Niemand.
Am Swissport Stand angekommen, trafen wir viele Leute von gestern wieder, der Kontakt war vertraut, da man sich untereinander verstand, Trost schenkte, miteinander redete aber leider nicht von den spanischen Kollegen vor Ort angehört wurde. Die Stimmung im Raum bescherte uns wieder keine guten Nachrichten. Keine Koffer von uns oder von jemand anderen aus unserem Flugzeug wurden gefunden. Trotzdem stellten wir uns erneut brav in einer Reihe beim Servicepoint an. Ein Mann vor uns ist gottverdammte 6h mit dem Zug nach Barcelona zum Flughafen zurückgefahren, um seinen Koffer abzuholen. Das Flughafenpersonal hatte ihm ja schließlich gestern versprochen, dass heute der Koffer wieder da sei. Nichts. Keine Regung. Kein Statement. Nur schweigsamens Schulterzucken seitens der Swissportmitarbeiter. Langsam aber sicher platze allen der Kragen. Eine Frau war schwer krank und hatte lebensnotwendige Medikamente in ihrem Koffer. Die Polizei wurde verständigt. Ich schöpfte Hoffnung. Die selbstbewusste und deutliche Art und Weise im Auftritt der Polizisten beeindruckte mich stark, der gechillte Stil der Spanier war wie weggeblasen. Es schien sich etwas zu drehen. Doch nach langem Hin und Her, erreichte uns nur wieder eine Abfuhr. Da die spanische Polizei leider auch nur schlecht Englisch sprechen konnte, dauerte es eine gute Weile eh uns die relevanten Informationen erreicht hatten. Es seien ihnen die Hände gebunden. Streik ist Streik.
Von meinem Reisebüro des Vertrauens wusste ich, dass es sehr wichtig sei, eine Verlustnummer zu erhalten. Den rosa Wisch, den wir am Tag davor bekommen hatten, konnte man schlichtweg in die Tonne klopfen, das war nur die Beschwerde. Also predigten wir erneut alle erforderlichen Informationen vor, beschrieben unseren Koffer und erhielten endlich die heiß ersehnte Nummer. Vertröstet wurden wir natürlich wieder auf morgen. Da wir eh alles Notwendige im Koffer hatten, entschlossen wir uns dazu, einfach alle für uns relevanten Flüge aus Deutschland kommend vom Tag abzuwarten und zu hoffen, dass vielleicht irgendein Koffer von Leuten aus unserem Flugzeug auftauchte - nichts. Die Gerüchteküche brodelte natürlich munter weiter. Der Streik sollte Ende der Woche wieder aufgenommen werden. Ende der Woche? Da wollen wir doch nach Hause fliegen! Noch einmal das ganze Desaster durchstehen, die Strapazen aushalten, den ganzen Mist wiederholen? Nein, danke! Nach stundenlangem Warten wurde uns klar, dass nicht nur der Transport von Koffern betroffen war, sondern auch Flüge. Am Sonntag trafen wir Leute, die seit Freitag darauf warteten nach Hause nach Deutschland zu gelangen, sie aber nicht gelassen wurden, weil ihr Koffer noch irgendwo in Barcelona rumschwirren sollte. Bitte was? Man wird nicht nach Hause gelassen, weil der Koffer, für welchen Schwund man selber überhaupt nicht verantwortlich ist, noch irgendwo in Spanien herumirrt?! Das kann doch bitte alles nicht wahr sein. Eine Schulklasse musste durchleben, wie deren Flug immer und immer wieder nach hinten verschoben wurde, bis er schließlich ganz ausfiel. Der Ersatz war ein Bus. Ja, ein Bus, der über 33h nach Deutschland zurück brauchte - bei der Hitze einfach fast unzumutbar. An dem Tag stand für uns fest, dass wir hier auf dem Flughafen nicht weiterkommen. Also fuhren wir zurück in die Stadt und kauften uns das nötigste für 50€, wie vom Flughafenpersonal angewiesen.
Nach einer fast schlaflosen Nacht wollten wir erneut zum Flughafen zurückkehren und nach unserem Koffer schauen. Warum? Wir wollten auf jeden Fall verhindern dass auch unser Gepäckstück einfach herrenlos am Flughafen herumsteht. Was soll das denn auch? Was geht denn da im Kopf dieser Leute vor sich, so etwas zuzulassen? Nach Abwägen aller relevanten Argumente wurde uns klar - so kann es nicht weitergehen. Wir sollten unseren Jahresurlaub genießen können, Stress hat man auf Arbeit genug, jetzt in den Ferien will ich entspannen und das kann ich in Spanien einfach nicht mehr, wenn ich Tag für Tag zu dem verschissenen Flughafen fahren muss, um nach meinem Koffer zu gucken. Das Nötigste Nachkaufen ist auch schwer, weil man einfach nicht weiß, wo man zum Beispiel Kontaktlinsenflüssigkeit in Spanien herbekommen soll. Also packten wir unsere sieben Sachen, kontaktierten unsere Vermieterin und besprachen, dass wir eventuell nicht mehr wiederkommen werden. Wir buchten spontan ein Ticket über Easyjet und waren noch nie so aufgeregt vor einem Flug. Eigentlich sollte nichts schief gehen - diesen Montag war theoretisch kein Streik angesetzt, erst ab Mittwoch wieder. Aber leider hatte Spanien unser Vertrauen verloren!
Doch, Gott sei Dank, ging alles glatt, allgemein war die Stimmung am Esyjet Point viel entspannter und gelassener. Alles ging nach Plan, keiner schrie, keine herrenlose Koffer weit und breit und vor allem keine Verspätung! 
Dieses Gefühl der Ankunft nach 2,5h Flug in Berlin, war unbeschreiblich. Das vertraute Geräusch der U-Bahn - einfach unbezahlbar. Auf einmal löste sich so eine gewaltige Last von mir, ich musste einfach nur noch bitterlich anfangen zu weinen. Wir hatten es tatsächlich geschafft und rückblickend war die Umbuchung die beste Entscheidung überhaupt. Ja, wir haben vielleicht nichts von Barcelona als den Flughafen gesehen, aber unser Rückflug und alle anderen Flüge vor und nach unserem, mit der Airline Eurowings, sind ausgefallen. Wenn ich mir vorstelle jetzt noch immer in Barcelona festzustecken, wird mir wieder ganz mulmig in der Bauchgegend.
Ich bin immer eine Person gewesen, die gerne geflogen ist - ich habe es geliebt. Die Vorstellung so schnell von A nach B zu gelangen, war für mich schon immer sehr faszinierend. Doch nun ist mir die Lust vergangen. Traurigerweise war das auch vorerst mein letzter geplanter Strandurlaub. Aber alles egal, Hauptsache wir sind gesund und munter zu Hause angekommen!

Den Koffer haben wir bis heute nicht zurück, den werden wir wahrscheinlich auch nie wiedersehen, doch Deutschland und vor allem die Mentalität hier haben wir nun mehr als schätzen gelernt.
Bedauerlicherweise wird die ganze Situation in Barcelona totgeschwiegen. Die Presse berichtet nicht, immer mehr Leute verlieren ihren Koffer, sitzen fest, alles wird nur noch schlimmer und nicht besser und keiner unternimmt etwas. Ich bin einfach sprachlos. Sprachlos und endlos traurig, dass ich nicht andere Menschen vor diesem Elend und diesem Stress bewahren kann!
Ätzendes Gefühl, wenn einem einfach die Hände gebunden sind.













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  1. Ohje da habt ihr aber wirklich viel Pech gehabt. Leider hatte ich in den letzten Jahren auch immer wieder Probleme mit meinem Gepäck und mein Koffer ging häufig verloren, wurde nicht schnell genug umgeladen oder landete teilweise sogar in einem ganz anderen Land. Habe ihn aber (bis auf einmal) zum Glück immer spätestens 2 Tage später wieder bekommen. Mit germanwings habe ich dieses Jahr allerdings auch schon schlechte Erfahrungen gemacht. Am Tag vor unserem Abflug wurde dieser Einfach 4h verschoben, sodass wir unseren Anschlussflug verpasst hätten. Nach einigen Telefonaten wurde uns versichert, dass das kein Problem sei und wir in einen anderen FLieger umgebucht werden würden. Soweit sogut. Am nächsten Morgen - unser Flug sollte um 6:30Uhr gehen- bekamen wir gegen 3 Uhr eine Mail (ja nur eine Mail!) dass unser gesamter Flug storniert wurde. Nachdem wir auch nur einen Wochenendtrip geplant hatten, hatten wir eben auch vor den gesamten Freitag zu nutzen und haben eben aus diesem Grund auch den frühen Flug gebucht. Wir konnten dann zwar letztendlich auf einen Lufthansa Flug umgebucht werden es war aber trotzdem sehr nervenaufreibend und natürlich hat es einiges an Zeit gekostet.. manchmal ist es dann eben doch besser einfach klassisch mit dem Auto zu fahren :/
    Ich hoffe du konntest dich dennoch etwas entspannen,
    Liebe Grüße
    Ines

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